05.12.2006

Lesestoff: Jewgenij Iwanowitsch Samjatin - Wir


(Bildquelle: amazon.de)


"Wir" von Jewgenij Iwanowitsch Samjatinist wohl eine der ältesten Dystopien, datierend in 1920, und ihr Einfluss auf wesentlich bekanntere Dystopien ist eindeutig bemerkbar. "1984" liest sich fast wie eine billige Kopie, ist doch der grundlegende Handlungsstrang (angepasster Bürger trifft Frau, verhält sich nonkonform und geht seinem Untergang entgegen) nahezu identisch übernommen worden.

An dieser Stelle verweise ich einfach auf eine hoch interessante Kundenrezension bei Amazon, welche dies sehr ausführlich darlegt.

Beindruckend ist die Fiktion dahingehend, das sie die Ideen des damals frisch/revolutionären Leninismus und die Strukturen der aufkommenden Sowjetunion überzieht und das Ergebnis darstellt. (Samjatin befand sich nach der Veröffentlichung von "Wir" in einer ziemlich bösen Lage wieder...)
Die Bevölkerung hat sich einem verheerenden Krieg (interessant, wie oft dieser Auslöser für tiefgreifende Umstrukturierungen herhalten muss in den Fiktionen) in die Stadt zurückgezogen und verehrt nun (zig Jahrhunderte später) die klare und einfache Struktur der Mathematik, ihrer Ausprägung in Musik und der optischen Realisierung in Glas, während draussen vor den Grenzen der Stadt hinter der "grünen Mauer" die unbekannte Wildnis herrscht.
(Zur Geschichte möchte ich nicht viel sagen, sie ist recht einfach, und das Buch ist preiswert.)

Die geradezu eingeschwungene Harmonie der Bevölkerung, die strenge Einteilung und Planung des Tagesablaufes im Sekundentakt ist irritierend. Eine Stadt aus Glas und damit einhergehende optische Dauerüberwachung führt zu hartem Schlucken. Die technische Extrapolation des Autors ist irgendwie herrlich naiv bzw. der Fiktion angepasst. Die Idee mit den rosafarbenen Bons und damit einhergehender Regelung des Sexlebens aufgrund ärztlicher Diagnose des individuellen Hormonspiegels ist ganz lustig.

Frieden und "mathematisch-fehlerfreies Glück", durch Beugung unter das "segensreiche Joch der Vernunft" und Aufgabe der persönlichen Freiheit...

... und die personen-eineindeutige Personenkennziffer bekommen wir schliesslich auch schon im nächsten Herbst.

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